Sterbefasten- Informationen zu FVNF 
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Fall 11: ​«Dankbar für eine gute Begleitung»

Alter: 86; Geschlecht: weiblich; Ort: zuhause (D)


Persönlichkeit:
Eine «gestandene Frau», die ihren Haushalt locker im Griff hatte; sie war viele Jahre beruflich (Krankengymnastik und Atemtherapie) tätig gewesen. Seit einigen Jahren verwitwet.

Vorgeschichte: Fortgeschrittene Osteoporose mit Wirbeleinbrüchen und starken Schmerzen, die nach Verschlimmerungen nur noch mit einer Schmerzmedikation in hohen, nebenwirkungsträchtigen Dosierungen halbwegs beherrschbar waren.

Motivation: Angesichts der bereits in der Dosis ausgereizten schmerzlindernden Medikation und der zu erwartenden Zunahme von Schmerzen sah die Patientin in einem längeren Weiterleben keine erfreuliche Perspektive. Wegen immer wiederkehrender Müdigkeit waren die Phasen geistiger Betätigungen enttäuschend kurz geworden; zudem war der Patientin schmerzlich bewusst, dass sie ihrer künstlerischen Begabung fürs Malen und Werken bald nicht mehr nachgehen können würde.

Grund für die Wahl des Sterbefastens: Durch Internetrecherchen zu Suizidmöglichkeiten und eine Beratung durch den Humanistischen Verband Deutschlands (HVD) wurde die Patientin auf die Option des Sterbefastens aufmerksam. Offensichtlich sah sie für sich darin die beste Möglichkeit.

Entscheidungsfindung: Bestärkt durch die Auskünfte des HVD wandte die Patientin sich an ihren Hausarzt, der sich positiv zu dieser Möglichkeit stellte. Auch die Angehörigen waren einverstanden.

Schwierigkeiten: Die Schmerzbehandlung musste mehrmals den Veränderungen, die der Flüssigkeitsverzicht bei der Patientin bewirkte, angepasst werden. Durstprobleme traten an mehreren Tagen auf (die Patientin sorgte hier zum Teil selbst für sich) und konnten durch konsequentere Mundpflege behoben werden. Gelegentlich unruhiger oder schlechter Schlaf; dieser Situation war mit Medikamenten beizukommen.

Pflegerische Unterstützung: Gut; der bereits bestehende Pflegedienst (später in höheren täglichen Einsätzen) sowie Hilfe seitens der Angehörigen (drei Kinder) gewährleisteten eine Betreuung rund um die Uhr. Unter anderem wurde eine Antidekubitus-Matratze bereitgestellt.

Ärztliche Unterstützung: Ausführliche Vorgespräche mit der Patientin wie auch mit den Angehörigen. Fast tägliche Besuche (ansonsten Anrufe); stetige Kontrolle und Anpassung der Schmerzmittelversorgung, die aufgrund der Erkrankung nötig war.

Dauer: 14 Tage.

Tod: Noch am letzten Tag vor dem Tod war die Patientin weitgehend ansprechbar. Sie schlief schliesslich ohne Anzeichen eines Todeskampfes endgültig ein.

Bewertung seitens der Sterbenden: Sie empfand dieses als sehr positiv und bedankte sich mehrfach ausdrücklich, diesen Weg aus dem Leben so gut begleitet gehen zu dürfen.

Sicht der Angehörigen im Rückblick: Sie hatten sich auf diese Situation offenbar gut eingestellt und erlebten die Begleitung der Mutter sehr positiv.

Anmerkungen: Die eher lange Dauer des Sterbefastens war wohl zum einen dem etwas grosszügigen Umgang der Patientin mit Flüssigkeit geschuldet; zum anderen lag bei ihr keine «konsumierende» Erkrankung vor, das heisst sie war noch in einem relativ guten körperlichen Zustand gewesen.

Quelle: Klähn, H. (2012), Der freiwillige Verzicht auf Nahrung und Flüssigkeit; In: Suizidhilfe als Herausforderung. Arztethos und Strafbarkeitmythos. S. 163–187. G. Neumann (Hrsg.), Alibri-Verlag.